Mittwoch, 7. September 2011

Zehn Wiler wollen nach Bern

Für die Nationalratswahlen kandidieren insgesamt 27 Personen aus dem Einzugsgebiet der Wiler Zeitung. Auffallend ist, dass der grösste Teil der Bewerber aus der Äbtestadt stammt.

Nadja STRICKER SANCHEZ

Region. Um die zwölf Nationalratssitze im Kanton St. Gallen bewerben sich 176 Personen auf 15 Listen. Das sind ein Viertel weniger Kandidierende als 2007. Mit 59 Frauen und 117 Männern auf den Listen erreicht der Frauenanteil 33,5 Prozent gegenüber 32,9 Prozent vor vier Jahren. Für die Ständeratswahlen kandidieren sechs Personen. Die Wahlen finden am 23. Oktober statt.

Kirchberg als Nummer 2

Unter den sechs Ständeratskandidaten befinden sich mit Regierungsrätin Karin Keller-Sutter (FDP) und Yvonne Gilli (Grüne) auch zwei Wilerinnen.

Von den 176 Nationalratskandidaturen stammen deren 27 aus dem Einzugsgebiet der Wiler Zeitung. Davon sind sieben Frauen. Mit Theophil Pfister (SVP) aus Flawil tritt ein bisheriger Nationalrat zurück. Mit Lukas Reimann aus Wil (SVP) und Yvonne Gilli treten zwei Bisherige aus unserer Region wieder an.

Von den 27 Kandidaten sitzen deren sechs im St. Galler Kantonsrat, und deren fünf politisieren im Wiler Stadtparlament. Am meisten Kandidaten stammen aus der Äbtestadt, nämlich deren zehn. Fünf Bewerber aus Kirchberg und drei aus Bronschhofen sind weitere Häufungen. Ansonsten verteilt sich der Rest der Bewerber auf andere Gemeinden des Einzugsgebietes der Wiler Zeitung.

Grüner auf Listenplatz 1

Die Junge CVP schickt auf dem sechsen Listenplatz die Kauffrau und Betriebswirtschaftsstudentin Cristina Steinmann aus Zuckenriet ins Rennen. Die SVP nominiert neben Reimann den Rossrütener Lorenz Egli. Er ist Meisterlandwirt und hat im Kantonsrat Einsitz. Ebenfalls zwei regionale Kandidierende sind auf der Hauptliste der Sozialdemokratischen Partei und Gewerkschaften zu finden. Die Wiler Stadträtin und Sozialpädagogin Barbara Gysi und der Sekundarlehrer und Schulleiter Donat Ledergerber aus Kirchberg wollen in den Nationalrat. Beide sitzen im Kantonsrat. Auf dem letzten Listenplatz der Sozialdemokratischen Partei und Gewerkschaften, Juso, ist die Schülerin Vera Matjaz aus Degersheim aufgeführt.

Die Eidgenössisch-Demokratische Union setzt zum einen auf David Fitze, Gebäudetechnikingenieur und Immobilienmanager aus Schwarzenbach, und zum anderen auf Hans-Jörg Höpli, Personalberater aus Rossrüti. Die CVP setzt ihr Vertrauen in drei Personen aus der Region Wil: Thomas Feller, Unternehmer und Berater aus Kirchberg, Elmar Mäder, Wil, Jurist, Geschäftsführer und ehemaliger Gardekommandant, sowie Martha Storchenegger aus Schwarzenbach, Heimleiterin und Kantonsrätin, sollen Stimmen für die Christlichsozialen gewinnen. Neben Yvonne Gilli (Grüne) kandidiert der Wiler Stadtparlamentarier und Betriebsökonom Luc Kauf für den Nationalrat.

Bei den Jungen Grünen steht Michael Sarbach, der ebenfalls im Wiler Stadtparlament sitzt und als Fachlehrkraft Musik und Betriebsleiter Gastro arbeitet, auf dem begehrten ersten Listenplatz. Der angehende Tierarzt Sebastian Koller, ebenfalls Stadtparlamentarier aus Wil, und Moritz Schaltegger, Automatiker aus Flawil, wollen für die Grünen ins Parlament.
Präsidentin kandidiert

Die Region für die FDP vertreten wollen Marc Mächler aus Zuzwil. Er ist Kantonsrat und Präsident der Kantonalpartei. Die Gemeindepräsidentin Imelda Stadler aus Lütisburg sitzt ebenfalls im Kantonsrat und hegt Ambitionen für den Nationalrat. Roman Rutz, Student, Berufsschullehrer und Stadtparlamentarier aus Wil, sowie Franz Sutter, Lebensmitteltechnologe aus Oberuzwil, kandidieren für die Evangelische Volkspartei.

Kantischüler will es wissen

Auf der Hauptliste der Grünliberalen stellen sich Daniel Gerber, Unternehmensberater, Ökologe und Ausbilder, aus Bronschhofen und die Wiler Stadtparlamentarierin Erika Häusermann, Chemielaborantin und Musiklehrerin, zur Wahl. Stefan Widmer, Gärtner und Berufsmaturand aus Kirchberg, und der Wiler Kantonsschüler Johannes Leutenegger steigen für die Jungen Grünliberalen ins Rennen.

Die Bürgerlich-Demokratische Partei steuert drei Kandidierende aus der Region bei. Roland Breitler, Kommunikationsfachmann, und Veronika Breitler-Voigt, Ärztin, sind beide aus Kirchberg. Das Trio wird mit dem Primarlehrer und Schulleiter Patrick Hilb aus Zuzwil vervollständigt.


(Quelle: Tagblatt Online, 29. August 2011 01:08:52, http://www.wilerzeitung.ch

Den Politikern ins Wort gefallen

Dass sich in der Aula der Kantonsschule Wil jüngere und arrivierte Kandidierende für den National- und Ständerat treffen, kommt nicht jeden Tag vor. Dass den Politikern von Schülern das Wort abgeschnitten wird, noch seltener.

Larissa Flammer

In der Kantonsschule Wil wurde am vergangenen Montag hoher Besuch erwartet: Nebst sieben jungen fanden auch fünf arrivierte Kandidierende für den National- und Ständerat den Weg in die Schule. Das Publikum an diesem Anlass bestand aus den dritten und vierten Klassen der Kantonsschule. Dass nicht alle mit der gleichen Motivation an dieser Podiumsdiskussion teilnahmen, bestätigte Noah Oswald, einer der beiden Moderatoren, indem er seine Kollegen mit den Worten begrüsste: «Willkommen zu dieser Veranstaltung – auch wenn nicht alle freiwillig hier sind.»

Dank Info mitdiskutieren

Doris Dietler Schuppli, die Rektorin der Schule, erinnerte ihre Schützlinge daran, warum es sich lohne, den Politikern etwas Zeit zu opfern: «Nur wenn man genügend informiert ist, kann man mitdiskutieren.» Die zum Teil erst 18jährigen Politiker vermochten mit ihrem Wissen und ihrer Redegewandtheit dann durchaus zu überzeugen. Wer den beiden jungen Kandidierenden der Parteien SVP und SP zuhörte, wähnte sich beinahe in einer waschechten Nationalratsdiskussion.

Die Unterschiede zwischen den jungen Kandidierenden und den älteren, die zu einem Grossteil bereits im Nationalrat sind, waren gar nicht so einfach auszumachen. Die Jungpolitiker waren bei gewissen Themen sogar hartnäckiger, brachten starke Argumente für ihre Überzeugungen und vor allem auch schlagfertige Antworten, die ihnen mehr als einmal spontanen Applaus einbrachten.

Unter Zeitdruck

Etwas, was die Politiker wahrscheinlich eher selten erleben, ist, dass ihnen aus Zeitgründen das Wort abgeschnitten wird. Im Fall der Jungpolitiker sogar von den beiden Schülern, welche die Diskussion leiteten. Den zweiten Teil mit den arrivierteren Kandidierenden wie zum Beispiel den Wiler Nationalräten Yvonne Gilli und Lukas Reimann leitete Patrick Bernold, der an der Kantonsschule als Geschichtslehrer tätig ist. Auch er musste sich an die Zeit halten, damit das Schülerpublikum rechtzeitig zu den letzten beiden Stunden wieder in der Klasse sass. Aus diesem Grund erlebten auch die gestandenen Politiker, wie es ist, wenn man auf Äusserungen des Gegners nichts erwidern darf.

Wahlkampfthemen

Die Punkte, über die diskutiert wurde, haben zwei Maturandenklassen vorbereitet, und sie präsentierten diese jeweils zu Beginn mit Hilfe einiger Powerpointfolien. Da zu wenig Zeit vorhanden war, durfte jeder Politiker nicht viel mehr als ein kurzes Statement zu jedem Punkt abgeben. Diese überraschten nicht sonderlich, da die Themen im Wahlkampfprogramm enthalten sind. Die Schüler im Publikum haben so aber immerhin von jeder Partei einen Input gehört und können beim nächsten Mal mitdiskutieren.

Teilnehmer

Jüngere Kandidierende: Flurin Schmid (BDP), Karin Streule (CVP), Tobias Widmer (FDP), Johannes Leutenegger (GLP), Michael Sarbach (Grüne), Kristina Schüpbach (SP), Jeffrey Bleiker (SVP).
Arrivierte Kandidierende: Lucrezia Meier-Schatz (CVP), Kurt Weigelt (FDP), Yvonne Gilli (Grüne), Hildegard Fässler (SP), Lukas Reimann (SVP).

(Quelle: Tagblatt Online, 07. September 2011 01:07:45, http://www.wilerzeitung.ch)

Engagierte Diskussionen um nationale Themen

Die unterschiedlichen Haltungen zu aktuellen Themen kamen seitens der verschiedenen Parteiexponenten deutlich zum Ausdruck.

Niklaus Jung

Neben aktiven Politgrössen aus SVP, CVP, FDP, SP und Grüne diskutierten am Montagmittag gleich sieben Jung-Politiker aus verschiedenen Lagern an der Kanti Wil vor prall gefüllter Aula zu aktuellen politischen Themen. Zu Armee, über Sozialwerke bis zu Energiefragen kamen erwartungsgemäss unterschiedliche Meinungen daher. Rektorin Doris Dietler Schuppli betonte eingangs den Stellenwert für die Studierenden, sich mit politischen Themen auseinander zu setzen.

Ob nun delegiert oder selber interessiert an der Politdiskussionin der Kanti Wil teilzunehmen war bei der grossen Zahl Studierenden im Saal nicht feststellbar. Die optimale Aufmerksamkeit und Stille liessen darauf schliessen, dass die Meinungen der verschiedenen politischen Lager interessierten. Zumindest bei den "Jung-Politikern" konnten sich zahlreiche Studierende die Vorstellung machen, vom Alter her selber auf der Bühne stehen zu können.

Nicht gegen eine Armee, aber reduziert
Bei den Jung-Politikern gab es schon stark abweichende Meinungen über wie viel Armee in der Schweiz, aber keines war grundsätzlich für Abschaffung der Armee. Während Kristina Schüpbach von der Juso mit 10'000 Mann zufrieden wäre, sieht Flurin Schmid als angehender Leutnant die Armee in der heutigen Form richtig für Friedensförderung und Schutz der Bevölkerung. Mit zwei scharfen Einsätzen pro Tag im Durchschnitt ob Luftraumverletzungen sei auch die Flugwaffe gerechtfertigt, was bei der Juso als Nostalgiehaltung aus dem 2. Weltkrieg abgetan wird.

Tobias Widmer (FDP) sieht die Armee von heute gerechtfertigt, aber mit sparsamerem Umgang mit Munition und teuren Übungen. Jeffrey Bleiker (SVP) betonte die unnötigen Auslandeinsätze der Armee, Michael Sarbach (Grüne) sieht die Armee als untaugliches Mittel zum Schutz und viel zu gross. Karin Streule von der J-CVP befürwortet die Armee, sieht aber eine mittlere Reduktion angezeigt. Sie fordert weiter über die Abschaffung der Dienstpflicht nachzudenken. Nach Johannes Leutenegger sind die seitens Bundesrat Maurer geforderten 6 Mia für die Armee total überrissen.

Volk soll über Abschaltung der AKW entscheiden

Breiten Raum nahm die Energiepolitik in der Diskussion ein. Jeffrey Bleiker (SVP) sieht ganze Industrien zusammenbrechen bei Abschaltung der AKW. Der Bundesrat habe ohne jegliche Pläne den Ausstieg beschlossen, er stehe für einen Volksentscheid ein in dieser Sache. Seitens der Juso betonte Schüpbach, dass vor Fukushima alle von einer sicheren Energie sprachen, das Gegenteil habe sich erwiesen. Auch Mühleberg in der Schweiz sei nicht sicher. Flurin Schmid von der BDP sieht den schrittweisen Ausstieg wie geplant richtig.

Michael Sarbach (Grüne) zeigte sich befremdet, dass man den kommenden Wirtschaftszweig mit alternativen Energien nicht anerkennen wolle. Tobias Widmer (FDP) sieht wie die SVP zu viele Arbeitsplätze gefährdet mit dem Ausstieg. Johannes Leutenegger (GLP) forderte die ökologische Steuerreform, um den Alternativenergien den Vorzug zu geben. Karin Streule (J-CVP), kürzlich nach Bern umgezogen zeigte sich betroffen, wie sie im Empfangspaket Jod-Tabletten vorgefunden habe, klares Zeichen dass Gefahren drohen.

Energie auch bei Aktiven Thema

Die zweite Diskussionsrunde mit aktiven Politgrössen galt neben dem Thema Energie auch der Sozialpolitik und der Haltung zur EU. Bei der Kernenergie ist bei Yvonne Gilli (Grüne) nicht der Termin, sondern der Entscheid Ausstieg wichtig. Diese Haltung hätten sie schon vor Fukushima gehabt. Für Hildegard Fässler (SP) ist gerade der klare Entscheid Ausstieg wichtig, damit die Wirtschaft Planungssicherheit erhalte. Allein die fehlenden Örtlichkeiten für Endlager, niemand wolle es, müsse den Ausstieg ermöglichen.

Kurt Weigelt (FDP) sieht die Versorgungssicherheit gefährdet mit einem sofortigen Ausstieg. Gerade die Ostschweiz lebe derzeit von 75% Kernenergie. Zuerst müssten Alternativenergien funktionieren, bevor ein Ausstieg beschlussfähig sei. Auch Lukas Reimann (SVP) ist der Ausstieg unrealistisch. Der Schnellschuss ohne Plan sei unseriös. Lucrezia Meier-Schatz (CVP) plädierte klar für Ausstieg. Die Wirtschaft brauche ein klares Zeichen, was auch seitens des Ständerates kommende Woche gefordert sei.

Sozialpolitik und EU
Bei der CVP (Meier-Schatz) geht es in Sachen Sozialpolitik um die langfristige Sicherung der Sozialwerke. Nach Weigelt braucht es dazu das Rentenalter 67. Hildegard Fässler (SP) stört es, dass Gutverdienende weniger Sozialbeiträge bezahlen als der "Kleine Mann". Alter 67 für Pension ist nach Fässler nicht realistisch. Yvonne Gilli (Grüne) sieht die Senkung des BVG-Satzes nur als Teil des Problems. Die Vorbezüge aus der Pensionskasse seien weiteres Problem. Sozialwerke müssten solidarisch finanziert werden, da gehe es auch um "Finanzieren wollen". Lukas Reimann (SVP) kritisierte die Haltung der Linken nach immer mehr Geldern, ohne Gegensteuer wären wir längst ein Griechenland 2, betonte er. Nach Weigelt liegt in den Vorstössen auch viel Polemik.

Beim EU-Beitritt bleibt Hildegard Fässler (SP) beim Ja, weil sie sich gewohnt sei, bei Entscheiden mitreden zu können. Die Schweiz laufe dauernd der EU hinten nach, indem sie sich automatisch EU-Recht anpasse. Luxemburg, viel kleiner als die Schweiz beweise, dass man erfolgreich mitreden kann. Nach Meier-Schatz (CVP) gilt es, die Schiene "Bilaterale Verträge" weiter zu verfolgen, der EWR wäre keine Lösung. Nach Weigelt (FDP) muss die Euro-Krise im Auge bleiben. Das Ziel muss sein, den Abbau von Arbeitsplätzen zu verhindern. Lukas Reimann (SVP) sieht die automatische Anpassung an EU-Recht falsch, die Schweiz habe oftmals bessere Lösungen. Es sei offensichtlich, dass die EU so wie heute nicht funktionieren könne auf lange Sicht.

Eine Kündigung der Personenfreizügigkeit ist nach Gilli (Grüne) nicht tragbar. Die Zuwanderung müsse durchaus im Auge behalten bleiben, um Immobilienpreise nicht steigen zu lassen und die Zersiedlung zu verhindern. Sie fordert eher die spekulativen Frankenanlagen mit geeigneten Mitteln zu verhindern. Ihrer Meinung nach braucht es längerfristig noch ein zweites Milliardenpaket, um die Wirtschaft in Schwung zu halten.

(Quelle: infowilplus.ch, Niklaus Jung)