Dienstag, 31. Mai 2011

Plötzlich ist es still in Wil - Zum Tod von Gerhard „Gerry“ Lüthi (1949-2011)


In der Nacht vom vorletzten Freitag ist Gerhard „Gerry“ Lüthi im Alter von nur 62 Jahren überraschend an einem Herzstillstand gestorben. Er wird in der Äbtestadt eine grosse Lücke hinterlassen.

Bereits am Samstagvormittag machte das Gerücht vom Tod von Gerry in den Wiler Beizen die Runde. So richtig glaube wollte das zuerst niemand. Man sprach sogar von einem bösartigen Scherz. Unvorstellbar, dass das markante, laute und vor allem ansteckende Lachen von Gerry irgendwann aus Wil verschwinden würde.
Später am Abend spielte die amerikanische Funk-Formation Mother's Finest ein Konzert im Gare de Lion. Ein Treffen von ehemaligen Betreibern, Aktivisten und Gästen quer durch 20 Jahre Geschichte der Remise – nur Gerry, der praktisch immer da war, fehlte. Damit war allen schlagartig klar, dass das Gerücht ernst genommen werden musste. Eine zuverlässige Meldung seines plötzlichen Todes folgte noch in der selben Nacht.

Ein Lebenskünstler
Gerry Lüthi kam in seinen Jugendjahren in die Ostschweiz und erlernte in Kesswil den Beruf Koch. Nach dem Abschluss fand er eine Stelle in Basel und absolvierte anschliessend in Thun die Rekrutenschule. Am Wochenende war er regelmässig in Wil, denn seine Eltern waren in der Zwischenzeit in die Äbtestadt gezogen. Er unternahm verschiedene Reisen und arbeitete dann mehrere Jahre als Koch in Wil, bevor er mit seiner Frau – er hatte mit 26 Jahren geheiratet - eine Rotisserie in der „Schmitte“ führte. Das Paar bekam zwei Söhne und übernahm den „Baslerhof“ in St.Gallen. Leider meinte es das Schicksal nicht gut mit der Familie und so kam es, dass seine Frau mit den Kindern nach Italien auswanderte. Ein schwerer Schlag für Gerry, der einen Schlussstrich zog und für mehrere Jahre als Schiffskoch auf einem Frachter anheuerte, welcher hauptsächlich Bananen zwischen New York und Südamerika transportiere. Zurück in Wil, hatte er immer wieder verschiedene Jobs und war häufiger und gerne gesehener Gast in den Wiler Beizen.

Treuster Unterstützer der Remise / Gare de Lion
Die Remise war seit der Gründung sein zweites Zuhause. Ob als Koch, Gärtner oder als Allrounder bei Reinigungs-, Renovations- und Umbauarbeiten - Gerry half überall dort mit, wo Hilfe benötigt wurde und blieb dem Kulturlokal 20 Jahre lang bis heute treuster Unterstützer. Oft war er schon am Nachmittag da, trank auf seinem Plätzchen bei der Feuerstelle ein Bier und unterhielt die anwesenden Personen mit witzigen Sprüchen und spannenden Geschichten über seine Zeit als Seefahrer. Bereits nach einigen Jahren genoss Gerry in der Remise so etwas wie Kultstatus. Eine Zeit lang gab es sogar Gerry – Postkarten.

Ein echtes Wiler Stadtoriginal
Meine erste Begegnung mit Gerry dürfte rund 15 Jahre her sein. Es ging mir wie vielen anderen; wer regelmässig die Remise und Bars und Pubs in Wil besuchte, traf Gerry sehr häufig an. Mein Job als Programmverantwortlicher des Kulturbahnhofs intensivierte den Kontakt mit Gerry zusätzlich. Nicht selten besuchte er mich während Büroarbeiten. Jedes mal ein willkommener Grund für eine Pause, ein Bierchen und einen gemütlichen „Schwatz“. Unzählige Tränen habe ich in den letzten Jahren mit ihm zusammen lachen und viele fröhliche Stunden mit ihm verbringen dürfen.
Dass Gerry in seinem Leben nicht einfach nur Trinkbekanntschaften gemacht hat, sondern viele Menschen wirklich berührt und etliche Freundschaften geschlossen hat, zeigen die unzähligen Beiträge und Reaktionen auf „facebook“ und die Tatsache, dass sein unerwarteter Tod auch noch fast zwei Wochen später das Hauptthema an den Stammtischen vieler Beizen in Wil ist. Besonders eindrücklich war jedoch der enorme Besucheraufmarsch an seiner Bestattung letzten Dienstag. Er hätte seine helle Freude daran gehabt, zusammen mit seiner Familie und seinen liebsten Menschen das Konzert zu geniessen, welches eigens für ihn von langjährigen Freunden auf dem Friedhofplatz veranstaltet wurde.

Ganz verschwinden wird Gerry nie aus der Äbtestadt, denn seine vielen Freundinnen und Freunde werden ihm noch zehntausende von Gedanken schenken.

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