Freitag, 23. Januar 2009

Grosser Bahnhof für Kulturlöwen

Saniertes Gebäude, erweitertes Programm, neues Leitungsteam und neuer Name: Gare de Lion in Wil – die ehemalige Remise – ist aber eines geblieben: ein kultureller Anziehungspunkt für die ganze Region.

von David Dörflinger

Mit fast hundert Millionen Reisenden gehört der «Gare de Lyon» in Paris zu den bedeutendsten Bahnhöfen Europas. Seit September gibt es in Wil einen Gare de Lion, eine Anlehnung an den Pariser Bahnhof, mit leicht veränderter Schreibweise. Hektische Bahnhofsatmosphäre mit ge­stressten Reisenden, Lautsprecherdurchsagen und TGV-Zügen gibt es hier aber nicht. Das ehemalige Konzert- und Partylokal «Remise» lädt mit seinem bunt gemischten Programm zum Verweilen ein. «Es ist ein Ort der Begegnung und des Austausches», findet Programmleiter Michael Sarbach. Wie Matthias Loepfe, Co-Präsident des «Gare de Lion», ist er Mitglied des Vereins Kulturzentrum Wil, welcher das Lokal seit der Wiedereröffnung führt. Zusammen mit rund 30 freiwilligen Helfern haben sie letzten Sommer das längliche Gebäude beim Wiler Getreidesilo renoviert und mit einem Anbau leicht vergrössert.

Konsequente Namensänderung
Zu Remise-Zeiten kamen oftmals bekannte Bands von überall her nach Wil. Dies machte den Kulturschuppen bei Konzertgängern weit über die Grenzen der Äbtestadt hinaus bekannt. Neu heisst das Lokal nun «Gare de ­Lion». Fürchten die Betreiber nicht um die Bekanntheit ihres Kulturzentrums? Matthias Loepfe verneint: Zumindest in Wil und Umgebung habe sich die neue Bezeichnung längst durchgesetzt. Überregional könnte die Namensänderung aber schon ein Problem sein, gibt der 26jährige Co-Präsident zu. Allerdings sei der frühere Name Remise vor allem in Punk- und Hip-Hop-Kreisen ein Begriff gewesen. Das Programm im Gare de Lion wird aber viel durchmischter sein.

So gibt es neu neben Konzerten und Parties auch Kleinkunst, von Comedy über Theater bis hin zu Lesungen, zu sehen und zu ­hö­­­ren. Gerade zu solchen Anlässen seien neuerdings neben Jugendlichen und jungen Erwachsenen vermehrt auch über 40jährige an­zutreffen. «Mit dem Umbau und der Renovation der Remise und einem komplett neuen Betriebs­programm war eine Namensänderung einfach nur konsequent», erklärt Michael Sarbach. ­Trotzdem leben die Remise-Gründerväter auch im neuen Namen weiter. Gare de ­Lion ist eine An­­leh­­nung an den ersten Remise-Betreiber, den Verein «Kulturlöwe Wil». Mitt­lerweile haben Sar­bach und Loepfe mit ihrem Ver­ein Kulturzentrum Wil die Zügel in der Hand. Nachdem die letzten Betreiber im Oktober 2007 ihr Engagement aufgegeben hatten, waren sie rechtzeitig bereit zur Über­nahme. Die ursprüngliche Idee der Vereinigung, ein Kulturzentrum auf dem ­Zeughaus-Areal in Wil zu eröffnen, musste nämlich wegen Anwohnereinsprachen begraben werden.

20 Stunden Leidenschaft
Seit September führt der Verein nun Gare de Lion. Alles in allem seien sie mit dem bisherigen Verlauf zufrieden, bilanziert Loepfe. Besonders zur Eröffnung hätten sie sehr viele Besucher gehabt und gerade die Parties, aber auch die Buchlesungen seien gut besucht gewesen. Ein bisschen «happiger» sei es mit den Konzerten gelaufen. Finanziell kann der Verein nicht mit der grossen Kelle anrühren: «Bei uns arbeiten alle ehrenamtlich», sagt Matthias Loepfe, der soeben sein Geographiestudium in Zürich abgeschlossen hat und als Bassist der Rockband Flaky Pastry selber musikalisch tätig ist. Sie könnten aus finanziellen Gründen keine Prozentstellen besetzen oder Löhne auszahlen.

Durchschnittlich 20 («Gra­tis»)-Stunden pro Woche benötige er für Büroarbeiten und das Bu­chen der Anlässe, erklärt Michael Sarbach. Zusätzlich muss er als Patentinhaber jeweils an den Anlässen vor Ort sein. Und das, obwohl sein Terminkalender ohnehin schon dicht gedrängt ist: Neben seinem Engagement bei Gare de Lion studiert der 27jährige Politikwissenschaft an der Universität Zürich, ist Sänger und Gitarrist der Indiepop-Band Frantic und sitzt für die Grüne Partei im Stadtparlament Wil.

Ein Recht auf Kultur
Woher nimmt er sich diese Motivation? «Mir ist einfach diese Stadt wahnsinnig wichtig», antwortet Sarbach. Wil werde nämlich extrem unterschätzt. Eine Stadt mit bald 18 000 Einwohnern und einem Einzugsgebiet mit knapp hunderttausend Menschen habe auch ein Recht auf ein angemessenes kulturelles Angebot, findet er. Mit Ausnahme Gare de Lion spiele sich das Ausgangsleben in Wil fast ausschliesslich in den Beizen der Stadt ab. Jetzt habe man wieder ein durchmischtes kulturelles Angebot in der Stadt. Man darf gespannt sein, welche grossen Namen in Zukunft nach Paris auch in Wil halt machen werden. n

Quelle: St.Galler Anzeiger, 23.1.2009

Keine Kommentare: