Donnerstag, 3. Dezember 2009

Pokern um die Big Names

Wie bringt man international bekannte Musiker nach Wil? Michael Sarbach beweist als Programmchef des Alternativ-Clubs Gare de Lion, dass man auch mit wenig Geld attraktiv sein kann.


Ein kleiner Club behauptet sich auf dem nationalen Parkett: Michael Sarbach ist Programmchef des Gare de Lion in Wil.

Wil – Backstage, Bar, Bühne. Michael Sarbach führt am frühen Abend easy durch den gut ausgestatteten Club an den Gleisen. Der Mann mit der gemütlichen Figur kann aber auch anders. Denn das Wettrennen um die besten Musiker und Bands läuft auf hochtourigen Drehzahlen ab. Wer da schläft, bleibt am Ende allein auf der Bühne. Weil sich die Konkurrenz in der Clublandschaft in den letzten Jahren verschärft hat. Laut Sarbach spielen in der Region gleich mehrere Lokale in der gleichen Liga: das «Palace» in St. Gallen, das Rorschacher «Mariaberg», aber auch das «Salzhaus» und «Gaswerk» in Winterthur.

Das Buhlen beginnt jeweils mit einem Mail. Darin gibt eine Agentur allen wichtigen Schweizer Clubs die noch freien Daten für einen Künstler oder eine Band bekannt. Die Aufforderung zum «Offer» ist der Startschuss zu einem Prozedere, das für Aussenstehende nur schwierig zu verstehen ist. Viele Faktoren müssen beachtet werden. Zieht die Band genug Publikum an? Passt der Sänger zum Konzept des Clubs? Ist man noch zu früh oder spät für diesen Act? «Es braucht viel Erfahrung, um in diesem Spiel bestehen zu können», sagt Michael Sarbach. Dabei ist die richtige Einschätzung des Marktwerts des Künstlers von entscheidender Bedeutung. Nur so kann man im Poker mit den anderen Clubs den genau richtigen Preis in die Runde werfen.

Bescheidenes Einsatzgeld


Seit zwei Jahren ist der 28-Jährige für das einzige Alternativprogramm in Wil zuständig. Er hat dabei gleich mit zwei erschwerenden Faktoren zu kämpfen. Zum einen verfügt Wil nicht gerade über die Strahlkraft einer Metropole, zum anderen ist sein Einsatzgeld im Vergleich zu anderen bescheiden. Das Gare de Lion, ehemals Remise, wird von der Stadt mit nur gerade 25 000 Franken unterstützt. Davon geht fast die Hälfte sofort wieder für die Miete zurück. 20 000 Franken kommen vom Kanton. Vergleichbare Institutionen werden mit Beträgen im sechsstelligen Bereich gefördert. Darum kann sich das Lion-Team nur ganz selten einen richtig bekannten – und somit auch teuren Act – leisten. Und im Zuge der massiven Einbrüche bei den CD-Verkäufen, sind mittlerweile auch mittelmässig bekannte Musikcombos nur noch im Tausender-Bereich zu haben. «Im Vergleich zu früher, haben sich die Gagen verdoppelt», so Michael Sarbach.

Ein Geben und Nehmen

Dass die maximal 400 Zuschauer dennoch immer wieder gute Bands zu sehen kriegen, hat viel mit der Bauernschläue des Teams zu tun. Mit erfolgreichen Partys subventionieren sie Konzerte und Kleinkunst quer. Dazu helfen gute Kontakte zu den Agenturen. Sarbach erklärt: «Es ist ein Geben und Nehmen. Manchmal fördern wir eine unbekannte Band einer Agentur und erhalten dafür beim nächsten Mal den Zuschlag für einen Big Name.»

Der kleine Club behauptet sich so seit Jahren auf dem nationalen Parkett. Möglich ist dies nur dank viel Idealismus von Sarbach & Co. Denn alle arbeiten ehrenamtlich. Michael Sarbach, der bis zu 40 Stunden pro Woche zusätzlich zu seinem Job als Musiklehrer einsetzt, erhält pro Monat gerade mal 50 Franken Spesenentschädigung. Dies soll sich ändern, sagt Sarbach, der auch im Stadtrat einsitzt, für einmal gar nicht easy. (ThurgauerZeitung)

Quelle: thurgauerzeitung.ch, 03.12.2009. Autor: Yann Cherix, Bild: Nana do Carmo

Samstag, 21. November 2009

Mal abgesehen davon, dass eine Baurechtsfrage sowieso schlichtweg nichts in der Schweizer Verfassung zu suchen hat, gibt es folgende Gründe für ein klares NEIN zur Minarettinitiative:

- Es sind nicht die Muslime, die jetzt einen Anspruch auf den Bau neuer Minarette erheben. Die Initianten wollen etwas verbieten, worauf heute jede Glaubensgemeinschaft in der Schweiz ein gesetzlich geregeltes Anrecht hat. Dies ist eine gezielte und diskriminierende Einschränkung der Religionsfreiheit.

- Die Initiative und die Diskussion darüber verfehlen das eigentliche Ziel. Bestehende Probleme und Konflikte wie straffällige Ausländer, Stellung der Frau, Verhältnis von Islam zum Schweizer Staat und Recht haben nichts mit einem Minarett-Verbot zu tun. Bei einer Annahme der Initiative würden mögliche gemeinsame Dialoge und Lösungen erschwert.

- Ein Minarettverbot schafft neue Probleme, anstatt bestehende zu lösen. Die Bildung problematischer „Parallelgesellschaften“ würden mit der Annahme der Initiative nicht verhindert, sondern im Gegenteil gefördert.

- Eine grosse Mehrheit der muslimischen Bevölkerung der Schweiz ist gut integriert und respektiert die Schweizer Gesetzgebung. Minarette gleichzusetzen mit Terrorismus und Extremismus ist gefährlich und falsch. Wer sich in der Schweiz nicht an die Bundesverfassung hält, macht sich strafbar. Dies gilt auch für all jene, welche die Religion über das Gesetz stellen.

- Der „Kampf“ gegen andere Kulturen oder Religionen war und ist nie eine Lösung, sondern verursacht weitere Konflikte. Nur eine sachliche Diskussion und der beidseitige Wille zu Integration können die aktuelle Situation verbessern. Dann ist ein fruchtbares Mit- und tolerantes Nebeneinander von verschiedenen Meinungen und Glaubensausrichtungen als Grundlage für ein respektvolles Zusammenleben in einem modernen Staat möglich.


Mit einem klaren Nein können wir weiterhin stolz darauf sein, in einer modernen, aufgeschlossenen und toleranten Schweiz zu leben. In einem Staat, in welchem das Gesetz jeder und jedem die Freiheit bietet, seinen Glauben zu leben und in welchem Multikulturalität nicht als Gefahr, sondern als Wert verstanden wird.

Gestaltet mit. Stimmt ab und sagt Nein!

Donnerstag, 4. Juni 2009

1000 Unterschriften gegen Ausweisung von Tibeter


Der Tibeter Sonam Lama aus Rickenbach muss die Schweiz verlassen. Dagegen wehrt er sich. Auch seine Freunde setzen sich für ihn ein: Sie sammelten Unterschriften und überreichten diese gestern dem Migrationsamt Thurgau.



Ein dickes Couvert überreichte der Wiler Stadtparlamentarier Michael Sarbach gestern einem Angestellten des Migrationsamts Thurgau in Frauenfeld. Zahlreiche Unterschriftenbögen mit rund 1000 Unterschriften für eine Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung des Tibeters Sonam Lama waren darin enthalten. «Dies ist alles, was wir für ihn tun können», sagt Michael Sarbach. Er hat die Unterschriftensammlung ins Leben gerufen, nachdem er erfuhr, dass sein Freund die Schweiz auf den 30. Juni 2009 verlassen muss. Innert kürzester Zeit hätten sich im Internet über 300 Mitglieder der neugegründeten Facebook-Gruppe «Sonam Lama Appreciation Society» angeschlossen. «Und wir wurden regelrecht mit Unterschriften überschwemmt.»

Die Frau zog aus

Sonam Lama kam Ende 2005 in die Schweiz. Zuvor lebte der nepalesische Staatsangehörige in den Vereinigten Staaten. Dort lernte er eine Schweizerin kennen, die er heiratete und wegen der er in die Schweiz zog. Nun jedoch leben die beiden nicht mehr zusammen. Im Februar ist Sonam Lamas Frau aus der gemeinsamen Wohnung in Rickenbach ausgezogen. Und deshalb hat das Migrationsamt Thurgau auch eine Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung von Sonam Lama abgelehnt. In einem Brief an den Tibeter schreibt das Amt zudem von mangelnder beruflicher und sozialer Integration. Den Entscheid des Migrationsamts kann Michael Sarbach nicht nachvollziehen. Sonam Lama sei mehr ins Gesellschaftsleben integriert, als viele Schweizer. Davon zeugen nicht zuletzt die vielen Unterschriften, sagt Sarbach. Sonam Lama sei offen und kontaktfreudig und habe sich als Sänger der Wiler Band «Cruel Noise» einen Namen gemacht. Regelmässig besuche er Konzerte in der Region. Deshalb hätten sie sich auch kennen gelernt, erzählt Michael Sarbach, der als Präsident des Wiler Kulturvereins Soundsofa mithilft, Konzerte zu veranstalten. Auch beruflich könne man Sonam Lama nichts vorwerfen. Seit Sonam Lama in der Schweiz lebt, arbeitet er bei einem Paketservice-Unternehmen in Wil. «Es geht nicht, dass man Leute ausweist, die sich so aktiv integrieren», betont Sarbach.

«Ich würde alles verlieren»

Auch Sonam Lama wehrt sich gegen den drohenden Ausweis aus der Schweiz. Gegen den Entscheid des Migrationsamts hat der 32-Jährige Rekurs eingelegt. Er habe Angst, die Schweiz zu verlassen, sagt er. «Ich würde alles verlieren.» In die USA könne er nicht zurückkehren, da eine entsprechende Bewilligung fehle. In Nepal kenne er niemanden. Seine Eltern wohnen in Indien. Noch hat Sonam Lama die Hoffnung auf einen positiven Ausgang nicht verloren. Auch die breite Unterstützung aus seinem Umfeld macht ihm Mut. Doch nützen dürfte die Unterschriftenaktion nichts. «Solche Aktionen gibt es immer wieder. Aber es geht hier nicht um einen Mehrheitsentscheid des Volkes. Wir berücksichtigen die Unterschriften deshalb auch nicht», sagt Stefan Felber vom Departement Justiz und Sicherheit. Der Rekurs-Entscheid werde voraussichtlich im Laufe dieses Jahres getroffen. «Falls dieser negativ ausfällt, gehe ich vors Bundesgericht», gibt sich Sonam Lama kämpferisch.

Quelle: Deborah Berweger, ThurgauerZeitung, 4.6.2009

Dienstag, 10. März 2009

Sonam Lama muss bleiben!


Mein Freund und Musikerkollege Sonam Lama ist im Jahr 2005 nach einer mehrjährigen Fernbeziehung – er lebte in den USA - definitiv zu seiner Freundin in die Schweiz nach Rickenbach bei Wil gekommen. Sie haben zuvor im gleichen Jahr geheiratet. Das Schicksal hat es wie oft nicht gut gemeint, Sonam Lama und seine Frau haben sich getrennt und dies ehrlicherweise auch gegen aussen kommuniziert. Hätte das Paar die Behörden getäuscht und die Trennung nur noch wenige Monate verschwiegen, hätte Sonam bald die ständige Aufenthaltsbewilligung. Die Migrationsbehörde des Kantons Thurgau hat aufgrund der fehlenden Monate beschlossen, die Aufenthaltsbewilligung von Sonam Lama per 30. Juni 2009 nicht mehr zu verlängern. Als Hauptgründe wurden „mangelnde soziale und berufliche Integration“ aufgeführt.

Diese Gründe sind völlig aus der Luft gegriffen – Sonam Lama arbeitet seitdem er in der Schweiz wohnt mit einer Festanstellung bei der DHL. Zudem ist seine soziale Integration absolut vorbildlich. Er hat in den vergangenen Jahren in der Schweiz viele Freunde gewonnen und sich aktiv sozial integriert. Unter anderem ist er Sänger der bekannten Wiler Band „Cruel Noise“.

Aus diesem Grund haben wir eine Petition gestartet, mit der wir erreichen wollen, dass das Migrationsamt des Kantons Thurgau diesen offensichtlichen Fehlentscheid überdenkt und die Aufenthaltsbewilligung von Sonam verlängert.

Unterschriftenbögen gibt es hier:
http://www.sarbaker.com/files/SONAM_Petition.pdf

VIELEN DANK FÜR DIE UNTERSTÜTZUNG!

Freitag, 23. Januar 2009

Grosser Bahnhof für Kulturlöwen

Saniertes Gebäude, erweitertes Programm, neues Leitungsteam und neuer Name: Gare de Lion in Wil – die ehemalige Remise – ist aber eines geblieben: ein kultureller Anziehungspunkt für die ganze Region.

von David Dörflinger

Mit fast hundert Millionen Reisenden gehört der «Gare de Lyon» in Paris zu den bedeutendsten Bahnhöfen Europas. Seit September gibt es in Wil einen Gare de Lion, eine Anlehnung an den Pariser Bahnhof, mit leicht veränderter Schreibweise. Hektische Bahnhofsatmosphäre mit ge­stressten Reisenden, Lautsprecherdurchsagen und TGV-Zügen gibt es hier aber nicht. Das ehemalige Konzert- und Partylokal «Remise» lädt mit seinem bunt gemischten Programm zum Verweilen ein. «Es ist ein Ort der Begegnung und des Austausches», findet Programmleiter Michael Sarbach. Wie Matthias Loepfe, Co-Präsident des «Gare de Lion», ist er Mitglied des Vereins Kulturzentrum Wil, welcher das Lokal seit der Wiedereröffnung führt. Zusammen mit rund 30 freiwilligen Helfern haben sie letzten Sommer das längliche Gebäude beim Wiler Getreidesilo renoviert und mit einem Anbau leicht vergrössert.

Konsequente Namensänderung
Zu Remise-Zeiten kamen oftmals bekannte Bands von überall her nach Wil. Dies machte den Kulturschuppen bei Konzertgängern weit über die Grenzen der Äbtestadt hinaus bekannt. Neu heisst das Lokal nun «Gare de ­Lion». Fürchten die Betreiber nicht um die Bekanntheit ihres Kulturzentrums? Matthias Loepfe verneint: Zumindest in Wil und Umgebung habe sich die neue Bezeichnung längst durchgesetzt. Überregional könnte die Namensänderung aber schon ein Problem sein, gibt der 26jährige Co-Präsident zu. Allerdings sei der frühere Name Remise vor allem in Punk- und Hip-Hop-Kreisen ein Begriff gewesen. Das Programm im Gare de Lion wird aber viel durchmischter sein.

So gibt es neu neben Konzerten und Parties auch Kleinkunst, von Comedy über Theater bis hin zu Lesungen, zu sehen und zu ­hö­­­ren. Gerade zu solchen Anlässen seien neuerdings neben Jugendlichen und jungen Erwachsenen vermehrt auch über 40jährige an­zutreffen. «Mit dem Umbau und der Renovation der Remise und einem komplett neuen Betriebs­programm war eine Namensänderung einfach nur konsequent», erklärt Michael Sarbach. ­Trotzdem leben die Remise-Gründerväter auch im neuen Namen weiter. Gare de ­Lion ist eine An­­leh­­nung an den ersten Remise-Betreiber, den Verein «Kulturlöwe Wil». Mitt­lerweile haben Sar­bach und Loepfe mit ihrem Ver­ein Kulturzentrum Wil die Zügel in der Hand. Nachdem die letzten Betreiber im Oktober 2007 ihr Engagement aufgegeben hatten, waren sie rechtzeitig bereit zur Über­nahme. Die ursprüngliche Idee der Vereinigung, ein Kulturzentrum auf dem ­Zeughaus-Areal in Wil zu eröffnen, musste nämlich wegen Anwohnereinsprachen begraben werden.

20 Stunden Leidenschaft
Seit September führt der Verein nun Gare de Lion. Alles in allem seien sie mit dem bisherigen Verlauf zufrieden, bilanziert Loepfe. Besonders zur Eröffnung hätten sie sehr viele Besucher gehabt und gerade die Parties, aber auch die Buchlesungen seien gut besucht gewesen. Ein bisschen «happiger» sei es mit den Konzerten gelaufen. Finanziell kann der Verein nicht mit der grossen Kelle anrühren: «Bei uns arbeiten alle ehrenamtlich», sagt Matthias Loepfe, der soeben sein Geographiestudium in Zürich abgeschlossen hat und als Bassist der Rockband Flaky Pastry selber musikalisch tätig ist. Sie könnten aus finanziellen Gründen keine Prozentstellen besetzen oder Löhne auszahlen.

Durchschnittlich 20 («Gra­tis»)-Stunden pro Woche benötige er für Büroarbeiten und das Bu­chen der Anlässe, erklärt Michael Sarbach. Zusätzlich muss er als Patentinhaber jeweils an den Anlässen vor Ort sein. Und das, obwohl sein Terminkalender ohnehin schon dicht gedrängt ist: Neben seinem Engagement bei Gare de Lion studiert der 27jährige Politikwissenschaft an der Universität Zürich, ist Sänger und Gitarrist der Indiepop-Band Frantic und sitzt für die Grüne Partei im Stadtparlament Wil.

Ein Recht auf Kultur
Woher nimmt er sich diese Motivation? «Mir ist einfach diese Stadt wahnsinnig wichtig», antwortet Sarbach. Wil werde nämlich extrem unterschätzt. Eine Stadt mit bald 18 000 Einwohnern und einem Einzugsgebiet mit knapp hunderttausend Menschen habe auch ein Recht auf ein angemessenes kulturelles Angebot, findet er. Mit Ausnahme Gare de Lion spiele sich das Ausgangsleben in Wil fast ausschliesslich in den Beizen der Stadt ab. Jetzt habe man wieder ein durchmischtes kulturelles Angebot in der Stadt. Man darf gespannt sein, welche grossen Namen in Zukunft nach Paris auch in Wil halt machen werden. n

Quelle: St.Galler Anzeiger, 23.1.2009